1.ZEIT FÜR REFLEXION

In jüngster Zeit löste vor allem der Einsatz von KI-Technologien bei der automatisierten Gesichtserkennung eine Debatte aus. Diese Technologie zeigt, wie weit und vielfältig ein Anwendungsfeld sein kann: Zum einen kann ein Blick auf das Smartphone das Handy entsperren oder eine Bezahlung auslösen – praktisch. Die Technologie kann auch helfen, seltene Erkrankungen schneller zu diagnostizieren oder vermisste Personen zu finden. Was aber, wenn Staaten die Technologie bei Protesten einsetzen, wie vor kurzem in den USA im Rahmen der #BlackLivesMatter-Bewegung geschehen, und viele dort Bürgerrechte bedroht sehen? Einige Anbieter beendeten deswegen vorübergehend die Zusammenarbeit mit der Polizei. Was bleibt ist die offene Frage: Wollen wir in unserer Gesellschaft Gesichtserkennung im öffentlichen Raum zulassen und wenn ja, unter welchen Rahmenbedingungen? Das Beispiel zeigt: Gefährlich ist nicht eine Technologie, sondern ihre Anwendung. In Diskussionen wird oft entweder ein dystopisches oder ein utopisches Zukunftsszenario gezeichnet. Es gibt aber viele Grautöne dazwischen, über die wir reflektieren müssen – und zwar nicht allein in Experten-Blasen, sondern gesamtgesellschaftlich: Wie wollen wir als digitale Gesellschaft leben? Was ist das Gute und Richtige im Digitalzeitalter? 

 

2. GRENZEN DER REGULIERUNG

Besonders die automatisierte Gesichtserkennung machte Rufe nach Regulierung laut. Der Wunsch von Unternehmen nach gesetzlichen Vorgaben und Orientierung ist verständlich, aber aufgrund der technologischen Dynamik und Geschwindigkeit in vielen Fällen schwierig zu erfüllen. Selbstverständlich ist es Aufgabe der Politik, die gesellschaftliche Diskussion zu führen. Doch die gesetzliche Regulierung stößt im digitalen Zeitalter mitunter an ihre Grenzen: Innovationen sind heute oft schneller und dynamischer, als Politik und Zivilgesellschaft reflektieren, Positionen finden und handeln können. Und wie detailliert können und sollen Gesetze zum Beispiel die verschiedensten Einsatzfelder – von Foto-Tagging in Social Media bis zur Gesichtserkennung im Supermarkt – regeln? Oft fehlt es an ausreichenden Erfahrungswerten, auf denen konkrete und klare Rechtsvorschriften gründen könnten. Und so führt das Spannungsfeld zwischen einerseits Entwicklungen durch Innovationen nicht unnötig zu begrenzen und andererseits klare Leitplanken zu erlassen, teils zu einem Regelungsvakuum. Dies können Unternehmen aber auch als Chance begreifen: Statt auf Regeln und Vorgaben zu warten, können sie den digitalen Wandel bzw. seine Rahmenbedingungen verantwortungsvoll mitgestalten. 

 

 3. VERANTWORTUNG VON ANFANG AN 

In der digitalisierten Welt sind es privatwirtschaftliche Akteure, die neue Technologien in den Alltag der Menschen bringen, Innovationen erzeugen und große gesellschaftliche Veränderungen auslösen. Warum sollten daher nicht auch Unternehmen den gesellschaftlichen Reflexionsprozess unterstützen und sich aktiv einbringen? Ein Beitrag könnte zum Beispiel sein, darüber aufzuklären und transparent zu machen, was ihre Technologien und Dienste können und was potenzielle Folgen sind, denn keiner kennt ihre Technologie so gut wie sie. Der Reflexionsprozess beginnt idealerweise schon bei der Produktentwicklung mit einem standardmäßigen Responsibility-Check: Was macht meine Technologie mit den Menschen, die sie anwenden? Was sind Vor- und Nachteile? Welche Möglichkeiten, aber auch Fehlerquellen, Bias und Risiken könnten sich auftun? Welche langfristigen Folgen könnte mein Produkt auf die Gesellschaft haben und was sind mögliche Folgen zweiter und dritter Ordnung? 

 

4. EIN STRATEGIETHEMA FÜR DIE FÜHRUNGSETAGE 

Neben dem Einhalten von gesetzlichen Mindeststandards lohnt es sich für Unternehmen, aus eigenem Antrieb stärkere digitale Verantwortung zu übernehmen. Führungskräfte mit Weitblick können jetzt vorausgehen und Maßstäbe setzen, indem sie aus ihrem eigenen Unternehmen heraus Leitbilder, Regeln und Empfehlungen entwickeln oder konkrete CDR-Maßnahmen in der Praxis ausprobieren. Auf diese Weise verschaffen sie sich heute sowohl einen zeitlichen Vorsprung als auch einen Wettbewerbsvorteil: Da das Thema digitale Verantwortung für alle Menschen künftig an Bedeutung gewinnen wird, können Unternehmen mit klarem CDR-Profil sowohl extern gegenüber ihrer Kundschaft und anderen Stakeholdern punkten als auch intern gegenüber ihren Beschäftigten. Auch im Wettbewerb um die besten Nachwuchs- und Fachkräfte wird CDR in Zukunft eine große Rolle spielen. Strategisch gehören Überlegungen, wie ein Unternehmen sich in digitalen Wertefragen positioniert, daher in die Führungsetage – sei es beim CEO oder durch die neue Position eines Chief Digital Responsibility Officer (CDRO).

 

5. EINE HERAUSFORDERUNG FÜR ALLE BRANCHEN 
Die Corporate Digital Responsibility ist für viele noch Neuland, aber alle Branchen und Bereiche werden vom digitalen Wandel betroffen sein. Es gibt keine fertigen Antworten, generellen Lösungen oder Patentrezepte. Mit Blick auf die Dynamik der Technologien, wird dies auch so bleiben: Es gilt, ständig weiterzulernen, sich umzuschauen und zuzuhören. Umso wichtiger wird ein (branchenübergreifender) Erfahrungsaustausch. Um Ideen und Input zu erhalten, fragten zum Beispiel bei einem gemeinsamen, interdisziplinären Hochschulprojekt der Initiative D21 und der Deloitte Stiftung 15 Unternehmen, NGOs und Forschungseinrichtungen die junge Generation nach gutem und richtigem Handeln im digitalen Zeitalter. Sie stellten die Studierenden mit Fallbeispielen vor konkrete Herausforderungen. Die erarbeiteten Lösungskonzepte reichten von Siegeln, die den verantwortungsbewussten unternehmerischen Umgang mit Daten bescheinigen, über eine Lernumgebung für Kinder, um notwendige Digitalkompetenzen zu vermitteln, bis zu einer Plattform zur Steuerung des persönlichen Datenflusses – spannende Ansätze, die es wert sind, sie in der Praxis zu erproben. Auf www.corporate-digital-responsibility.de werden verschiedene Ansätze von der Gesundheitsbranche über den Digitalkonzern bis zum Handelsunternehmen veröffentlicht, um zu diesem Erfahrungsaustausch beizutragen. 

 

6. EINE CHANCE FÜR EUROPA 
Die Effekte des Einsatzes digitaler Technologien insbesondere bei weltweit agierenden Konzernen sind so global, dass wir supranationale Regulierungen bräuchten – auch, da heutzutage nicht mehr nur die großen Unternehmen weltweit agieren und damit in unterschiedlichen Rechtsräumen agieren. Die Antwort und die Chance liegen in Europa. Der EU-Binnenmarkt ist der größte gemeinsame Wirtschaftsraum der Welt. Wenn es gelingt, hier eine europäische digitale Ethik gemeinsam zu gestalten, zu etablieren und vorzuleben, hätte dies durchaus einen globalen Impact und könnte zum Vorbild werden. Europa könnte bei diesem Thema vorangehen und zur digitalen Wertegemeinschaft werden. Vielleicht kann Deutschland seine EU-Ratspräsidentschaft nutzen, um die digitalen Wertefragen mit hoher Priorität auf die europäische Agenda zu setzen und damit auch zentrale Vertrauensanker und Leitplanken zum Wohle der digitale Gesellschaft zu etablieren. 

 

Der Zeitpunkt ist auch in Deutschland gut: Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung steht den Veränderungen, die sie durch die Digitalisierung in den kommenden Jahren erwarten, positiv gegenüber. Dies ist ein Ergebnis der Studie „D21-Digital-Index 2019/2020“. Diese Stimmung in der Bevölkerung und das große Potenzial durch CDR sind eine Chance für die Wirtschaft: Jetzt gilt es, sich mit den relevanten Fragen zum digitalen Wandel auseinanderzusetzen und eine Vorreiterrolle in Sachen digitaler Unternehmensverantwortung zu übernehmen, um so einen Beitrag für die Gesamtgesellschaft zu leisten. Klar muss aber auch sein, wenn die Wirtschaft ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht vorausschauend nachkommt, können die Entwicklungen der kommenden Jahre ein enormes Potenzial haben, um Vertrauen der Bevölkerung in die digitale Entwicklung zu zerstören.  

Der Beitrag erschien zuerst im Handelsblatt Journal KI am 23. September 2020.