Jens-Rainer Jänig: Das WZGE hat den Dialog zur Corporate Digital Responsibility frühzeitig aufgegriffen. Aus welcher Perspektive nähern Sie sich der CDR?

Martin von Broock: Allgemein befassen wir uns beim WZGE mit der Frage: Wie werden Unternehmen bei gesellschaftlichen Herausforderungen eigentlich Teil der Lösung? Dabei verbinden wir immer die ethische und die ökonomische Perspektive, anders formuliert: Sollen und Können. Die Digitalisierung wirkt erst einmal ambivalent auf die Rolle der Unternehmen in der Gesellschaft: Zum einen können digitale Innovationen Unternehmen dabei helfen, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung besser nachzukommen, beispielsweise bei Themen wie Blockchain in Lieferketten oder auch Entlastungen in der Arbeitswelt. Auf der anderen Seite müssen wir in der digitalen Welt neu bestimmen, wem wir eigentlich welche Verantwortung wofür zurechnen können – etwa bei automatisierten Entscheidungsprozesse im HR-Management oder beim Thema Datenverwertung und -missbrauch. Für uns ist dabei wichtig, dass es beim Thema CDR eben nicht nur um rechtliche oder prozessuale Fragen geht, und auch nicht nur um konkrete Instrumente – hier liegt natürlich das größte Interesse der Unternehmen. Wir müssen auch die ethischen Fragen klären: Wie wollen wir digitale Technologien eigentlich nutzen? Und vor allem: Wie gehen wir mit Dilemmata um, die dabei entstehen? Etwa dem Wunsch nach informationeller Selbstbestimmung einerseits und der Notwendigkeit des Datenteilens andererseits, wenn wir digitale Innovation vorantreiben wollen. Dieses Spannungsfeld zeigt sich ganz konkret in der Corona-Krise beim Thema Tracing-Apps: Eigentlich brauchen wir mehr Informationen von allen, gleichzeitig wünscht sich der Einzelne aber auch die Hoheit über die eigenen Daten. Daran wird noch einmal deutlich, dass wir nicht nur Regeln und Instrumente brauchen, sondern eben immer auch alltagstaugliche ethische Orientierungen, auch für Unternehmen. Daran arbeiten wir als Wittenberg-Zentrum.“

 

Marie Blachetta: An das Verständnis zu Corporate Digital Responsibility anknüpfend, eine Frage zur begrifflichen Einordnung: Würden Sie Digitale Ethik als Synonym für CDR verstehen? Wo sehen Sie Unterschiede der beiden Terminologien?

Martin von Broock: Digitale Ethik befasst sich zunächst allgemein mit den Fragen: Welche Chancen eröffnen die neuen digitalen Möglichkeiten für ein gutes Leben aller Menschen? Mit welchen Nebenwirkungen müssen wir uns dabei auseinandersetzen? Das ist erst einmal der große, gesellschaftliche Blick. Dabei geht es auch um den Umgang mit grundsätzlichen Dilemmata, wie vorhin bereits erwähnt. Wie gestalten wir die digitale Transformation und wer muss dabei eigentlich welche Beiträge leisten? Im Zuge dieser geteilten Verantwortung geht es beim Thema „CDR“ um die spezifischen Beiträge, die Unternehmen zur digitalen Transformation leisten: Was können wir konkret von Unternehmen erwarten? Aber auch: Wo liegen die Grenzen digitaler Unternehmensverantwortung?

 

Jens-Rainer Jänig: Wie würden Sie den Entwicklungsprozess des Verständnisses einer digitalen Ethik einschätzen? Wie lange braucht die globale Gesellschaft, um zu einem gemeinsamen, handlungsleitenden Verständnis zu kommen und wie lange dürfen wir, als Gesellschaft, uns Zeit nehmen für diese Entwicklung?

Martin von Broock: Wir diskutieren grundsätzlich schon seit Tausenden von Jahren über Ethik, und dieser Prozess ist nie abgeschlossen. Nehmen Sie das Thema Menschenrechte: Obwohl wir seit über 70 Jahren eine weltweite Deklaration haben, ringen wir noch immer um ein gemeinsames Verständnis darüber, was wir konkret damit meinen. Das wird uns bei der digitalen Ethik nicht anders gehen. Aber der Vorteil ist natürlich, dass wir mit jeder neuen Stufe immer auch schon auf Erfahrungen aus anderen Bereichen zurückgreifen können. Das macht dann wiederum Hoffnung bei der digitalen Ethik.

Und wir haben ja bereits Fortschritte gemacht. Anfangs wurde das Thema sehr dualistisch diskutiert: Freiheit versus Regulierung. Da ging es weniger um ethische Fragen, sondern vor allem um Fragen der Rechtsetzung. Mittlerweile erkennen wir, dass wir beides brauchen: Ethische Leitbilder bleiben ohne unterstützende Regelungen wirkungslos. Umgekehrt gilt: Es gibt ethische Fragen, die vor der Regulierung erst einmal geklärt werden müssen. Etwa: Wie weit wollen wir automatisierten Entscheidungsprozessen zugestehen, dass sie in unsere Autonomie eingreifen? In Deutschland war beispielsweise die Ethikkommission für automatisiertes und vernetztes Fahren ein sehr wichtiger Meilenstein.

 

Jens-Rainer Jänig: Das WZGE ist auch in Projekten zu CDR aktiv. Können Sie vielleicht ein paar davon charakterisieren? Sind das eher wissenschaftliche Forschungsprojekte oder sind es kooperative Projekte mit einzelnen Industriepartnern, die mit Ihnen an diesem Thema arbeiten?

Martin von Broock: Wir arbeiten immer an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Dabei versuchen wir, Theorie in die Praxis zu bringen und umgekehrt aus der Praxis heraus Inspiration für die Forschung zu entwickeln. Ein konkretes Beispiel ist der Booksprint zum Thema „CDR“, den wir mit der Bertelsmann Stiftung gestartet haben. Da sind über 70 AutorInnen aus Wissenschaft, Unternehmen, Verbänden, aber auch aus anderen Disziplinen zusammengekommen, um verschiedene Facetten digitaler Unternehmensverantwortung zu beleuchten.

Mit Unternehmen und Verbänden arbeiten wir auf verschiedenen Ebenen zusammen. Im letzten Jahr haben wir den Zentralverband der Deutschen Elektroindustrie (ZVEI) bei der Erarbeitung von Leitlinien für den Umgang mit Daten und Algorithmen unterstützt. Gegenwärtig begleiten wir die Sozialpartner der Chemiebranche (Bundesarbeitgeberverband Chemie und Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie) bei der Entwicklung von Leitlinien für Daten- und Algorithmenethik. Darüber hinaus stehen wir mit verschiedenen Unternehmen im bilateralen Austausch; bei Daimler bringe ich mich etwa als Mitglied im Beirat für Integrität und Unternehmensverantwortung u.a. beim Thema „automatisiertes Fahren“ ein.

 

Marie Blachetta: In Bezug auf diese Projekte und auch auf die Zielsetzung des WZGE – heutigen und zukünftigen EntscheiderInnen Ethik für den Alltag zu vermitteln – können Sie uns erklären, was der Unterschied zwischen guter und nicht nur gut gemeinter CDR ist? CDR wird ja auch kritisch im Kontext von „Purpose Washing“ diskutiert. Wie ist Ihre Einschätzung?  

Martin von Broock:  Aus ethischer Sicht geht es bei einer wirkungsvollen „alltagstauglichen Ethik“ immer um den Zusammenhang von Werten, Wirklichkeit und Investition. Werte als Frage der gemeinsamen Ideale, Wirklichkeit als Frage der Bedingungen oder auch Restriktion in der Praxis und Investition im Hinblick auf die Frage: was unternimmt eigentlich ein Akteur oder Unternehmen konkret, um im Sinne der Werte auch zu handeln?

Eine nur gut gemeinte CDR bleibt entweder bei den Werten stehen oder sie verklärt mitunter die Wirklichkeit. Das heißt: Sie blendet Konflikte oder Restriktionen aus. Dem gegenüber fragt eine gute CDR immer, welche Investitionen wir brauchen, um auch im Lichte von Wettbewerb und Knappheit wertorientiert handeln zu können. Welche Konflikte entstehen im Alltag und welche Zumutungen sollten Unternehmen auf sich nehmen, um diese Konflikte zu lösen? Für mich ist entscheidend, dass es beim Thema Verantwortung weniger um die Darbietung von „Best Practice“ geht, sondern primär um die Vermeidung von „Bad Practice“.

Die beste Prävention gegen Purpose Washing ist, dass man auch wirklich mit den kritischen Gruppen im Dialog bleibt. Dialog heißt dabei für mich Dreierlei: (1) dass man die eigene Filterblase verlässt. Denn wie bei anderen Themen besteht auch bei CDR die Gefahr, sich bequem in bestimmten Communities einzurichten. Dialog heißt (2), dass man tatsächlich zuhört, also nicht nur sendet, sondern auch empfängt und, (3) dass man nicht nur zuhört, sondern auf die anderen Sichtweisen dann auch tatsächlich eingeht. Das ist zugegeben auch immer anstrengend, aber eben unvermeidbar. Das Gegenteil einer solchen Purpose-getriebenen Sichtweise wäre, CDR als reines Kommunikationsthema zu sehen, im Sinne eines netten „Storytellings“, aber letztlich ohne ernsthafte Verbindung zur eigentlichen Unternehmensstrategie und zu den wichtigen Entscheidungen. Letztlich geht es um die Frage: Haltung oder Hochglanz?

 

Jens-Rainer Jänig: Im Namen WZGE steht „G“ für das Globale. Wir haben im Austausch mit anderen Akteuren gehört, dass die Wahrnehmung besteht, CDR würde sich aus Deutschland heraus entwickeln. Erleben Sie in der Fachcommunity, dass das Thema in Europa oder global aufgegriffen wird? Oder unter anderen Stichworten diskutiert wird? Wird vielleicht sogar neugierig auf Deutschland geschaut, weil das Thema auch für andere relevant ist? Gibt es einen beginnenden internationalen Austausch?

Martin von Broock: Hier muss man unterscheiden: Findet das Thema global statt? Definitiv ja. Wird dafür auch die Terminologie „Corporate Digital Responsibility“ geprägt? Nicht unbedingt. Auf jeden Fall geht es international überall um die Frage: Wie verändert sich die Verantwortung von Unternehmen im digitalen Zeitalter? Und diese Frage wird auf globaler Ebene insbesondere durch einen Wettbewerb der Systeme getrieben. Auf der einen Seite erleben wir China, wo Unternehmen durch das dirigistische System relativ wenig Spielräume haben. Auf der anderen Seite stehen die USA mit ihrer Philosophie der Freiheit und des Pioniertums. Europa könnte im Sinne der eigenen Tradition einen Mittelweg anstreben zwischen Freiheit und Regulierung. Ich halte diesen europäischen Weg aus der ethischen Perspektive für den richtigen: Digitale Innovationen brauchen Freiheit, und die Gesellschaft braucht digitale Innovation. Freiheit setzt allerdings immer auch Verantwortung voraus. Und Verantwortung wiederum braucht einen gemeinsamen Referenzrahmen. Wir können schließlich nur dann Verantwortung sinnvoll zuschreiben und prüfen, wenn wir überhaupt wissen, woran wir diese Verantwortung festmachen. Bemerkenswert ist hier, dass europäische Vorstöße zur Klärung von Verantwortung zunehmend auch in den USA Anklang finden. Bezugnehmend auf die DSGVO haben etwa Tim Cook (Apple), Marc Zuckerberg (Facebook) oder Brad Smith (Microsoft) geäußert, dass auch amerikanische Unternehmen ein gemeinsames Spielfeld brauchen. Und es geht ja bei einem solchen Spielfeld nicht allein um die Beschränkung von Freiheiten, sondern vor allem um die Ermöglichung des Zusammenspiels, indem man klärt: worauf kann ich mich verlassen, was wird von mir erwartet und wo endet meine Verantwortung? Ohne gemeinsames Spielfeld keine verlässliche Wertschöpfung – das gilt im digitalen wie im analogen Zeitalter und ich denke, diese Erkenntnis setzt sich zunehmend auch international durch.

 

Jens-Rainer Jänig: Was planen Sie als WZGE im Kontext der CDR? Gibt es ein spezielles Thema, das Sie in den Diskurs einbringen werden?

Martin von Broock: Aktuell führen wir mit der Innogy Stiftung für Energie und Gesellschaft ein Projekt zu den ethischen Herausforderungen der digitalen Energiewende durch. Hier können wir die größeren, abstrakten Diskussionen sehr konkret herunterbrechen: Wir brauchen die Energiewende, wenn wir bei den Klimazielen weiterkommen wollen. Und wir wissen auch: Wir brauchen digitale Innovationen für ein klimafreundliches Energiesystem der Zukunft. Beiden Aussagen stimmen die Bürger hierzulande prinzipiell zu. Wenn es dann aber um notwendige und konkrete „Zumutungen“ geht, also um die Frage des Datenteilens und steuernder Eingriffe durch die Versorger, schwindet die Akzeptanz. Ähnlich erleben wir das ja gerade bei den Corona Tracing-Apps. Auf der einen Seite stehen die Gründe des Gemeinwohls, die gemeinschaftlichen Ziele. Auf der anderen Seite stehen Autonomie und Selbstbestimmung. Wie kommen wir weiter? Hier geht es letztlich um die Schaffung von Vertrauen, und da interessiert uns besonders die Frage: Welche Beiträge können Unternehmen leisten, um dieses Dilemma zu entschärfen? Das ist ein weiteres Thema, das uns für die nächsten achtzehn Monate beschäftigen wird und von dem wir uns Erkenntnisse erhoffen, die über den Energiebereich hinausgehen.

Und dann werden sich natürlich aus dem Booksprint heraus viele neue Ansatzpunkte ergeben. Zusammen mit der Bertelsmann Stiftung werden wir die einzelnen Themen in verschiedenen Formaten weiter vertiefen.

 

 

Wir danken Ihnen für das interessante Gespräch.

 

 

Über das Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik (WZGE):

Seit 1998 vermittelt das Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik (WZGE) als gemeinnütziger Think-Tank angewandte Wirtschafts-, Unternehmens- und Führungsethik – unabhängig, global ausgerichtet und wissenschaftlich fundiert. Das Zentrum initiiert und unterstützt Dialogprozesse, bietet Seminare, fördert Wissenschaft, gibt Impulse und entwickelt Konzepte. Dabei kooperiert es mit Partnern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Kirchen. Seit seiner Gründung hat das WZGE Projekte mit Menschen aus über 50 Nationen auf vier Kontinenten durchgeführt. Dabei geht es insbesondere um die Frage, wie Märkte, Unternehmen und ihre Entscheider zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen können.