Man muss schauen, dass eine sehr gute Idee wie CDR in der Umsetzung nicht eine Komplexität erfährt, die – gerade in mittelständischen Unternehmen – nicht mehr handhabbar ist“ sagt Thomas Jarzombek. Im Gespräch mit ihm wird deutlich, dass er digitale Kompetenz als wichtiges Thema ansieht, das auch über Initiativen wie CDR vorangetrieben werden könne. Wenn Unternehmen sich eigenhändig verbindliche Regelwerke aufstellen, dann sei dies begrüßenswert und wenn diese Regelwerke Probleme lösen, bestehe ein Vorzug gegenüber gesetzlichen Regelungen. Gleichzeitig wird aber auch klar: Thomas Jarzombek fordert mehr Auseinandersetzungen zu einem pragmatischen Weg der Umsetzung in Unternehmen und zeigt fünf zentrale Themengebiete auf, bei denen er Handlungsbedarf sieht:

 

1.Konkretisierung des Konzepts CDR notwendig: Neben der inhaltlichen Abgrenzung zum Themengebiet „Corporate Social Responsibility“ sei es wichtig, dass das Konzept „CDR“ nicht nur für große Digitalunternehmen umsetzbar ist, sondern auch für Unternehmen in allen Branchen und Größen greifbar ist. Thomas Jarzombek betont in dem Zusammenhang, dass es beispielsweise für Start-ups wichtig ist, Dokumentations- und Nachweisprozesse nicht unverhältnismäßig in die Länge ziehen und so neue Produkte oder Dienstleistungen mit Verzögerung beim Markteintritt zu erzeugen. Zudem sei Nachvollziehbarkeit für Digitalisierungsthemen auch bei kleinen Unternehmen wichtig, die gegebenenfalls noch keine umfassende Digitalkompetenz haben. Durch Nachvollziehbarkeit würden Unsicherheiten geringgehalten werden. Dies sei insbesondere dann der Fall, wenn das Konzept der CDR inhaltlich reifer ist und Distinktionsmerkmale für die Unternehmen deutlich werden. Akzeptanz von Unternehmen gegenüber CDR falle dann größer aus, wenn Marktvorteile erkennbar sind.

2. Existierender gesetzlicher Rahmen sollte derzeit nicht ausgebaut werden: Weitere gesetzliche Regelungen im Bereich der verantwortungsvollen Digitalisierung sind aus der Perspektive von Thomas Jarzombek jedoch derzeit nicht zielführend, da er die Gefahr einer zu kleinteiligen, unflexiblen Regelung sieht. Der Weg der freiwilligen Selbstverpflichtung von Unternehmen sollte daher nicht verlassen werden. Ein möglicher alternativer Weg, die Einführung eines CDR-Siegels, muss aus Perspektive des Beauftragten des BMWis für Digitalisierung mit der Frage verbunden sein: „Hilft es den Unternehmen im Markt durch eine aufgrund von Vertrauen gestiegene Nachfrage oder schadet es ihnen durch aufwendige Prozesse?“ Ein entscheidendes Thema ist deshalb auch der aktuelle Stand der europäischen Digitalwirtschaft im Vergleich zum amerikanischen und chinesischen Wettbewerb.

3. Internationale Perspektive des Wettbewerbs muss beachtet werden: Das Verwenden einer internationale Perspektive beim Thema CDR sei entscheidend: Thomas Jarzombek betont, dass Augenhöhe für regulatorische Rahmen wichtig ist und ein europäischer Weg der verantwortungsvollen Digitalisierung im Gesamtkontext des internationalen Wettbewerbs gesehen werden muss – ohne entstehende Nachteile. So stellen sich die Fragen: „Machen zum Beispiel auch amerikanische Player bei einem CDR-Regelwerk mit oder ist eine rein europäische Initiative?“

4. Rolle des Staates als ein Baustein bei CDR: Auf die Frage, inwiefern das Einkaufverhalten des Staats ein größeres Bewusstsein bei Unternehmen für digitale Verantwortung schaffen kann, indem entsprechende Kriterien in Ausschreibungen gefordert werden, antwortet Thomas Jarzombek: „Der öffentliche Sektor ist sich der Stellschraube des Einkaufsverhaltens bewusst und nutzt die auch heute schon ganz gezielt für bestimmte Vorhaben wie beispielsweise durch den Open-Source-/Open-X-Ansatz“. Letztlich sei der Markt aber größer und der Fokus – so Thomas Jarzombek – liegt auf dem Bewusstsein der KonsumentInnen und NutzerInnen.

5. Rolle von KonsumentInnen und NutzerInnen ist nicht zu vernachlässigen: Die Nachfrage der KundInnen wird von Thomas Jarzombek als Dreh- und Angelpunkt eingeschätzt. Diese müssten bereit seien, für verantwortungsvolle Digitalisierung mehr aufzuwenden: „Man braucht mehr Akzeptanz im Markt und ein entsprechendes Verhalten der NutzerInnen, um einer CDR-Initiative Rückenwind zu verleihen“. Es sei allerdings resignatives Verhalten auf Seiten der KonsumentInnen bei Themen wie dem Datenschutz erkennbar, es brauche konkretere Vorstellungen darüber, was mit den eigenen Daten geschieht. Von den NutzerInnen wird der positive Effekt bei ethischem Verhalten von Unternehmen nicht immer wahrgenommen und die Bereitschaft das zu honorieren, auch monetär, fehle bislang. Die Kernfrage von CDR sieht Thomas Jarzombek daher darin, inwieweit Unternehmen im Markt einen Vor- oder einen Nachteil durch CDR sehen.

 

Das Gespräch mit Thomas Jarzombek hat gezeigt, dass das Thema CDR noch weiter vorangebracht werden muss und CDR noch nicht abschließend auf Ebene der Unternehmen greifbar ist. Zudem ist die Erlangung von Wettbewerbsvorteilen durch eine verantwortungsvolle Digitalisierung auch abhängig von dem Verhalten der NutzerInnen. Thomas Jarzombek begrüßt es daher, dass die Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren im Rahmen von Mittelstand-Digital die Themen Nachhaltigkeit und CDR bereits in ihre Transferangebote aufgenommen haben und so auch den Mittelstand für die unternehmerische Digitalverantwortung sensibilisieren.

 

 

Thomas Jarzombek ist seit 2009 Mitglied des deutschen Bundestages. Er wurde im April 2018 zum Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt ernannt und ist seit Juli 2019 Beauftragter der BMWi für die Digitale Wirtschaft und Start-ups.

 

 

 

 

 

Foto: Tobias Koch / www.bmwi.de