Herr Prof. Dr. Kastrop, Sie sind nun ein halbes Jahr im Amt als Staatssekretär im BMJV und nicht nur durch verschiedene Ausschreibungen zur CDR-Initiative konnten wir feststellen, dass Sie die Initiative weiterführen und sogar verstärken möchten. Was hat sich schon getan, gibt es bald neue (Zwischen-)Ergebnisse?

Corporate Digital Responsibility ist ein wichtiger Baustein für eine inklusive digitale Gesellschaft und eine gestaltende Verbraucherpolitik, für die ich als Staatssekretär hier im BMJV verantwortlich bin. Das BMJV schreibt und prüft nicht nur Gesetze, sondern möchte VerbraucherInnen und Unternehmen in der Zivilgesellschaft dazu befähigen und dabei unterstützen, eine verantwortliche Rolle zu spielen. In diesen Bereich fällt auch die CDR-Initiative. Die Unternehmensverantwortung im digitalen Zeitalter ist ein zentrales Zukunftsthema für unsere Gesellschaft. Deshalb möchten wir hier auch neue Akzente setzen. So wollen wir das Projekt auf etwas breitere Schultern stellen, den Kreis der Unternehmen behutsam erweitern und weitere Best Practices in den Themenfeldern der CDR „einsammeln“ sowie einen fortlaufenden Dialog mit den Verbraucher*innen gestalten. Gleichzeitig möchten wir das Themenfeld etwas erweitern und das Projekt soll insgesamt sichtbarer werden, um die Ergebnisse, die Vereinbarungen oder unsere Initiativen mit einer möglichst breiten Öffentlichkeit zu teilen. CDR soll kein Nischenthema sein, sondern in der Zivilgesellschaft anhand guter Beispiele ankommen und konstruktiv diskutiert werden.

 

Was haben Sie sich für 2021 vorgenommen? Planen Sie verbindliche Vorgaben für Unternehmen zu erlassen?

Der Kern der Unternehmensverantwortung im digitalen Zeitalter liegt, wie auch bei Corporate Social Responsibility, im freiwilligen Engagement der Unternehmen, das über den gesetzlichen Rahmen hinausgeht. Man könnte auch sagen: CDR ist für Pioniere, die mit gutem Beispiel vorangehen, zum Wohle der Allgemeinheit und der VerbraucherInnen handeln und damit gleichzeitig unternehmerischen Erfolg haben. Die digitale Transformation spielt dabei eine ganz wesentliche Rolle, denn die unternehmerischen Möglichkeiten, aber auch die gesellschaftlichen Risiken haben sich dadurch potenziert. Deswegen ist die wichtigste Währung des digitalen Zeitalters: Vertrauen. Nur wenn VerbraucherInnen darauf vertrauen können, dass Dienstleister zum Beispiel ihre Konto- und Kreditkartendaten schützen, können sie sich schnell und sorgenfrei im Internet bewegen. Und nur wenn VerbraucherInnen Anbietern vertrauen und deren Produkte und Dienstleistungen nutzen, hat die Wirtschaft auch ein Interesse, weiter zu forschen und innovative Produkte anzubieten. Das Vertrauen der VerbraucherInnen und der Erfolg von Unternehmen sind kein Widerspruch! Doch Vertrauen lässt sich nicht per Gesetz verordnen. Deswegen ist die CDR-Initiative so wichtig: Hier können wir im geschützten Raum diskutieren und Probleme erkennen, die auf der großen politischen Bühne vielleicht etwas länger brauchen, um auf die Tagesordnung zu gelangen. Wir entwickeln dabei Leitlinien und Prinzipien, an denen sich Unternehmenshandeln ausrichten soll.

 

CDR setzt das aktive Engagement der Unternehmen voraus. In der Initiative Ihres Ministeriums sind einige Unternehmen verbunden, die CDR besonders früh aufgegriffen haben. Wie kann erreicht werden, dass der Kreis rasch um Unternehmen aus möglichst vielen von der Digitalisierung betroffenen Branchen erweitert wird?

Aktives Engagement für CDR ist in der Tat unverzichtbar, deckt sich aber meiner Meinung nach auch mit den eigenen unternehmerischen Interessen, jedenfalls dann, wenn es nicht um kurzfristigen schnellen Erfolg geht, sondern um langfristige Nachhaltigkeit, Vertrauen und Kundenbindung. Die aktuelle Covid-19-Pandemie wirkt dabei wie ein Katalysator sowohl für die digitale Transformation, aber auch für die Unternehmensverantwortung. Vom Online-Einkauf bis zur Videokonferenz oder dem Chat in der Familiengruppe; Überall wo Menschen, virtuell, zusammenkommen, nutzen sie fast selbstverständlich auch Online-Dienstleistungen und genau hier kommt auch die Unternehmensverantwortung ins Spiel. Vielen Unternehmen ist dies, auch in der Krise, zuletzt immer klarer geworden. Das zeigt auch das Engagement und Interesse vieler Unternehmen auf dem diesjährigen Digital-Gipfel der Bundesregierung oder beim diesjährigen europäischen Consumer Day, den mein Haus mit den Schwerpunkten Digitalisierung und Nachhaltigkeit ausrichtet.  Dieses verstärkte, neue Interesse auf Seiten vieler Unternehmen wollen wir künftig besser aufgreifen und solche Unternehmen für unsere Initiative gewinnen. Dies kann aus meiner Sicht gut gelingen, weil wir künftig auch mehr Themenfelder von CDR stärker in den Blick nehmen möchten – etwa die Nachhaltigkeit oder die digitale Kompetenz, z.B. bei der Bearbeitung von Online-Retouren oder der Zustimmung zu Datenschutzrichtlinien. Dabei können sich ganz verschiedene Unternehmenstypen in der Initiative wiederfinden.

 

 

CDR kann insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen und Start-ups vor organisatorische Herausforderungen stellen. Sollten diese Unternehmen besonders unterstützt werden?

CDR ist keine Frage der Unternehmensgröße, sondern eine Frage der gesellschaftlichen Verantwortung und unternehmerischen Weitsicht. Und gerade in Deutschland gilt, dass kleine Unternehmen und der deutsche Mittelstand bereits viel Engagement zeigen – dieses Verantwortungsbewusstsein „made in Germany“ möchten wir auch in der digitalen Welt wahren. Natürlich müssen Unternehmen in erster Linie kreativ und profitabel sein, sonst können sie in einer Marktwirtschaft nicht überleben. Aber unternehmerischer Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung sind zwei Seiten einer Medaille. Unternehmensverantwortung ist, davon bin ich überzeugt, kein Hemmnis wirtschaftlichen Erfolges, sondern eine Voraussetzung dafür. Der Gesetzgeber muss hier natürlich den Rechtsrahmen setzen und auch auf bestimmte Herausforderungen eingehen. Unternehmensgröße und Geschäftsfelder sind nur zwei Merkmale, die bei der Rechtssetzung Berücksichtigung finden können. Aber gerade auch für Start-ups oder KMUs kann und soll die CDR-Initiative ein wertvolles Forum sein, denn wir bündeln die teilweise komplexen Debatten um das Thema Unternehmensverantwortung, die kleinere Unternehmen allein oft gar nicht abdecken können. Ich möchte gerade kleine und mittlere Unternehmen, aber auch Start-ups einladen, an der Initiative mitzuwirken.

 

Wie schon 2019 hat das BMJV „Corporate Digital Responsibility“ als Thema beim Digital-Gipfel 2020 eingebracht. Was hat sich aus Ihrer Perspektive in dem vergangenen Jahr beim Thema CDR getan?

CDR als Teil einer allgemeinen Unternehmensverantwortung hat in den letzten beiden Jahren enorm an Fahrt aufgenommen und war in den Medien sehr präsent. Das liegt natürlich auch an einzelnen medialen Ereignissen, etwa Fällen des Datenmissbrauchs oder der Auswirkungen sozialer Medien auf demokratische Prozesse. Das hat viele Beteiligte wachgerüttelt. Und natürlich durchdringt das Thema CDR auf immer konkretere Weise die gesellschaftliche Debatte. So steht zum Beispiel beim diesjährigen Digitalgipfel das Thema der Nachhaltigkeit im Vordergrund. Nun sind wir dabei, CDR auf die Arbeitsebene zu verlagern, um noch konkreter zu werden: Welche gesellschaftlichen Auswirkungen können zum Beispiel soziale Medien oder Online-Lieferdienste entfalten? Wie gehen Unternehmen, aber auch Politik und Gesellschaft mit erfolgreichen Geschäftsmodellen um, die aber negative Auswirkungen auf unser Zusammenleben oder unsere Umweltbilanz haben können? All diese Fragen wandern momentan aus den Diskussionsforen und ExpertInnenrunden auf die Schreibtische vieler Verantwortlicher. Die nächsten Jahre – mit den Auswirkungen der Pandemie auf die digitale Gesellschaft – werden zeigen, wie gut sich das CDR-Konzept in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft verankern lässt. Ich bin davon überzeugt, dass Digitalisierung und Unternehmensverantwortung zusammen gedacht werden müssen.

 

Der Schwerpunkt des diesjährigen Digital-Gipfels liegt auf dem Thema „Nachhaltigkeit“. Wie kann eine nachhaltige CDR etabliert werden und wie kann CDR helfen Nachhaltigkeit zu etablieren?

Mit der CDR-Initiative leisten wir auch einen Beitrag zur Umsetzung der Agenda 2030 der Vereinten Nationen. Das ist wichtig, denn die Agenda 2030 definiert, kurz gesagt, wie wir Gemeinwohl im 21. Jahrhundert verstehen und nachhaltig umsetzen wollen. Sie umfasst 17 Nachhaltigkeitsziele, zu denen sich auch die Bundesregierung bekannt hat. Darin geht es unter anderem um verantwortungsvollen Konsum oder eine nachhaltige Innovation und Infrastruktur. Soweit die Theorie. CDR ist dabei ein ganz konkretes Werkzeug, mit dem die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele sichtbar gemacht werden kann und von der Regierungs- auf die Gesellschafts- und Unternehmensebene gebracht wird. Auch uns dienen die SDGs als Leitprinzip, auch um Unternehmensverantwortung zu messen. Wir fragen uns: Was leisten Unternehmen konkret, um verantwortungsvollen Konsum zu ermöglichen? Was sind Hindernisse, um Nachhaltigkeitsstandards zu implementieren und welche Rolle kann die Digitalisierung hier spielen? Und was sind Beispiele guter Praxis? Dazu haben wir übrigens auch eine neue SDG-Broschüre entwickelt, in der wir exemplarisch zeigen, wie Unternehmensverantwortung zur Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen beitragen kann. Link: https://www.bmjv.de/DE/Themen/FokusThemen/CDR_Initiative/CDR_Initiative_node.html

 

Wenn Sie den Blick über die Grenzen Deutschlands richten: Gibt es erste Reaktionen oder vergleichbare Initiativen aus anderen europäischen oder außer-europäischen Ländern?

Wir haben die Initiative letztes Jahr erstmals in Brüssel vorgestellt und sehr positive Rückmeldung erhalten. Ich sehe uns da durchaus in einer Vorreiterrolle. Wir sind sicherlich nicht die Ersten, die sich mit dem Thema CDR beschäftigen, aber es fehlt vielerorts an einem ganzheitlichen Ansatz, der Akteure zusammenführt und die Diskussionen bündelt und strukturiert. Auf deutscher und europäischer Ebene wird zum Beispiel in verschiedenen Gremien über die Ethik der Künstlichen Intelligenz und der Algorithmen, den Datenschutz oder den Klimaschutz in der digitalen Transformation gesprochen. Das ist wichtig. Aber wenn wir die Verantwortungsdimension von Unternehmen in der digitalen Transformation betrachten, fehlt es auch an praktischen Initiativen, die die einzelnen Punkte der Debatte verbinden. Hier liegt ein Vorteil unserer Initiative, die einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt, um die Unternehmensverantwortung im digitalen Zeitalter zu vertiefen.

 

Wenn Sie einmal fünf Jahre in die Zukunft blicken, was würden Sie sich für das Thema „Corporate Digital Responsibility“ wünschen?

Ich wünsche mir, dass die Menschen nicht mehr fragen, was CDR bedeutet, sondern dass sie ganz selbstverständlich Unternehmen und die Politik fragen: „Was ist Euer Beitrag zur CDR?“. Und dass es für Unternehmen selbstverständlich ist, CDR in ihren Geschäftsmodellen und Aktivitäten mitzudenken. Und ich wünsche mir, dass die CDR-Initiative im BMJV eines von vielen Beispielen ist, das zeigt: Unternehmen zeigen eine intrinsische Motivation und Bereitschaft, sich verantwortungsvoll im Sinne der Zivilgesellschaft einzubringen. Ich glaube, dass wir im BMJV einen wesentlichen Beitrag dazu leisten können, indem wir unsere Initiative erweitern und kontinuierlich überprüfen, weiterhin den aktiven Austausch mit Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft vorantreiben und so frühzeitig Herausforderungen der digitalen Transformation zu identifizieren und praktische Lösungen zu finden. Ich bin sicher, dass wir diesen Weg erfolgreich weitergehen werden. Daher freue ich mich schon auf unser nächstes Gespräch. Hoffentlich nicht erst in fünf Jahren!

 

Wir danken Ihnen für das Interview!

 

 

Zur CDR-Initiative des BMJV:

Gemeinsam mit sechs deutschen und internationalen Unternehmen hat das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) im Mai 2018 die CDR-Initiative ins Leben gerufen. Die Initiative soll einen Prozess zur Entwicklung von Prinzipen und Leitlinien einer Corporate Digital Responsibility (CDR) anstoßen. Mit der ersten öffentlichen Veranstaltung am 2. April 2019 konnten weitere Institutionen gewonnen werden. Aktuell sind zwölf Unternehmen Teil der Initiative. Ziel der CDR-Initiative ist es, digitale Verantwortung zu einer Selbstverständlichkeit für Unternehmen aller Branchen werden zu lassen. Über das gesetzlich Vorgeschriebene hinaus sollen noch mehr Unternehmen dazu motiviert werden, die Digitalisierung menschen- und werteorientiert zu gestalten. (Grafik: Bundesministerium für Justiz und den Verbraucherschutz)

Mehr zur CDR-Initiative hier: https://www.bmjv.de/DE/Themen/FokusThemen/CDR_Initiative/CDR_Initiative_node.html

 

 

Zur Person Christian Kastrop:

 

Prof. Dr. Christian Kastrop ist seit Mai 2020 Staatssekretär für Verbraucherpolitik und Digitale Gesellschaft im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV). Davor war er unter anderem Direktor der Abteilung für Politische Studien der OECD in Paris sowie im Bundesministerium der Finanzen tätig, etwa als Leiter der Unterabteilungen für Grundsatzfragen der Finanzpolitik, Makroökonomie und internationale Organisationen. In diesem Rahmen war er mehrere Jahre als Präsident des wirtschaftspolitischen Ausschusses des Rates der Europäischen Finanz- und Wirtschaftsminister (ECOFIN) tätig. Christian Kastrop hat Volkswirtschaftslehre studiert und ist Professor für Finanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin sowie Senior Fellow der Hertie School of Governance in Berlin. (Foto: Thomas Imo/photothek)

Mehr zu Christian Kastrop hier: https://www.bmjv.de/DE/Ministerium/Hausleitung/St/StI_node.html

 

 

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