Trotz hoher aktueller Relevanz setzen bislang nur wenige Unternehmen die Technikfolgenabschätzung ein, um digitale Problemstellungen damit zu analysieren, berichtet Prof. Decker. In der Vergangenheit waren es insbesondere größere Unternehmen wie Siemens oder Daimler, die große ThinkTanks zur Entwicklung und Bewertung von Zukunftsfragen hatten. Dort wurden die Methoden der Technikfolgenabschätzung intensiv genutzt.

Doch auch heute kann die Technikfolgenabschätzung als wichtiges Instrument für CDR-Aktivitäten vieler Unternehmen genutzt werden: Mit ihrem Handeln in der digitalisierten Welt lösen Unternehmen zunehmend Innovation und somit auch gesellschaftliche Veränderungen aus. Um sich verantwortungsbewusst mit ihnen und ihren Folgen auseinanderzusetzen, kann eine Technikfolgenabschätzung also von großer Bedeutung sein. Obwohl es bereits Erkenntnisse darüber gibt, wie sich die Bedürfnisse von KundInnen und NutzerInnen verändert haben, sieht Prof. Decker die Anwendung von Technikfolgenabschätzung-Methoden in der Produktentwicklung als eine weitere Möglichkeit für Unternehmen, sich mit den Folgen der Digitalisierung auseinanderzusetzen: „Wenn man sich die Mühe macht, entwicklungsbegleitend Konsequenzen erkennt und sich diese anschaut, ist das mittelfristig eine stärkere Innovation“.

Digitale Verantwortung als zentrale Frage in den Projekten der Technikfolgenabschätzung

Die Ergebnisse des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am KIT ist auch für die Arbeit des Bundestags von großer Relevanz. ITAS betreibt das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) berät den Deutschen Bundestag und seine Ausschüsse in Fragen des wissenschaftlich-technischen Wandels: „In der jüngeren Vergangenheit haben Digitalisierungsfragen eindeutig einen Schwerpunkt gebildet“ in der Arbeit des TAB, sagt Prof. Decker in dem Video-Interview. Während die Ministerien vor allem kontext-bezogene Fragen an das KIT richten, wie beispielsweise das Gesundheitsministerium Fragen zum demographischen Wandel oder das Forschungsministerium zur Mensch-Maschine-Interaktion, stellen viele PolitikerInnen, auch Wahlkreis-bezogene Fragen: Von der kommunalen Verwaltung bis hin zur Infrastruktur oder dem Verkehr. „Fragestellungen nach der Verantwortung und deren Verschiebung kommen immer durch den Anwendungskontext ins Spiel“, erklärt Prof. Decker.

Weitere spannende Einblicke in die Technikfolgenabschätzung, auch in Bezug auf die Corporate Digital Responsibility, erhalten Sie in dem Video-Interview mit Prof. Decker.

 

 

Was ist Technikfolgenabschätzung?

Ob Superintelligenzen oder Robotik – mit Blick auf die technologischen Fortschritte von morgen ist eine Diskussion über die möglichen Veränderungen und Auswirkungen auf die Gesellschaft von großer Bedeutung. In den 1960er Jahren in den USA entwickelt und seit den 1970er Jahren in Europa verbreitet, steht die Technikfolgenabschätzung als interdisziplinärer Bereich vor vielen Aufgaben: Neben einer technischen Beurteilung der Innovationen müssen auch wirtschaftliche und rechtliche sowie gesellschaftliche und soziale Perspektiven betrachtet werden und in die Abschätzung einfließen. Weiterhin „hat die Technikfolgenabschätzung die Herausforderung in die Zukunft zu schauen – es ist nur die Frage, wie weit“, sagt auch Prof. Decker in dem Video-Interview.

 

Prof. Michael Decker ist Universitätsprofessor für Technikfolgenabschätzung und leitet seit Oktober 2015 den Bereich „Informatik, Wirtschaft und Gesellschaft“ am Karlsruher Institut für Technologie. Der Schwerpunkt der Technikfolgenabschätzung liegt dabei auf dem interdisziplinären Ansatz und spiegelt sich in seiner Bereichsleitung wider.

Vor der Übernahme der Bereichsleitung engagierte sich der promovierte Physiker in der Institutsleitung des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des KIT. Er ist unter anderem Sprecher des Netzwerks Technikfolgenabschätzung (NTA), Vorsitzender des Beirats „Innovations- und Technikanalyse“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und Vorsitzender des Fachbeirats „Technik im Dialog“ des Vereins der Deutschen Ingenieure (VDI) womit auch die Mitgliedschaft in der Vorstandsversammlung des VDI verbunden ist. Herr Decker ist u.a. Mitglied im Beirat des Forschungszentrums für den Schulsport und den Sport von Kindern und Jugendlichen (FoSS) und im Aufsichtsrat des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation (NaWik).

 

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