„Wir haben tagtäglich mit ethischen Fragen zu tun“ beginnt Marek Rydzewski. „Gesundheit ist von Hause aus ein ethisches Thema. Die Auseinandersetzung mit Ethik ist für uns daher nicht neu.“ Unternehmerische Verantwortung, so seine darauf aufbauende These, habe bei der BARMER schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Allerdings ändere sich in einer sich rasch wandelnden Welt sowohl die Bedeutung als auch der Inhalt von Ethik: In Folge der Digitalisierung entstünden laufend neue ethische Herausforderungen.

Das gelte zum Beispiel für neu aufkommende oder sich wandelnde Interessen der BARMER-Stakeholder. Mit den neuen Möglichkeiten der Datengewinnung und -nutzung gingen neue Erwartungen und Ängste einher. Gleiches gelte für die zunehmende Geschwindigkeit von technischer Entwicklung und Vernetzung. Um als gesetzliche Krankenkasse ein Trustcenter für Versicherte zu bleiben müsse man sich in Fragen der Digitalisierung ebenso wie bei Fragen der digitalen Verantwortung klar positionieren, so Rydzewski.

„Bis vor einiger Zeit wurden bestimmte Themen noch gar nicht unter dem Gesichtspunkt Digitaler Verantwortung wahrgenommen“ ergänzt Jürgen Rothmaier. Das gelte beispielsweise für die Digitalisierung der Telefonie. Aufgrund der dort erzielten Fortschritte könnten Versicherte mitunter gar nicht mehr erkennen, ob sie mit einem echten Menschen oder mit einem KI-gesteuerten Chatbot sprechen. Daher habe sich die BARMER aus ethischen Gründen entschieden, dass man nicht alle derzeit zur Verfügung stehenden Möglichkeiten von KI in der Telefonie nutzen werde, damit Versicherte den Unterschied von Mensch und Chatbot anhand deutlich unterschiedlicher Sprachqualität leicht erkennen können.

 

Anschließend geht Marek Rydzewski auf die Rolle von Ethik bei Gesundheitsdaten ein: „Daten werden bei der BARMER bewusst nicht in dem Umfang genutzt, wie es technisch und rechtlich möglich wäre. Wir überlegen uns jede Datennutzung genau.“ Nichtsdestotrotz gehe es auch aus seiner Sicht künftig verstärkt um die Frage, wie viel Gesundheit und wieviel Leben man mit der erweiterten Nutzung von Gesundheitsdaten schützen könne und wolle. Dabei spiele die Abwägung mit Datenschutzinteressen eine zentrale Rolle. Rydzewski hält diesbezüglich eine individuelle Abwägung für notwendig:

  • Zwischen dem individuellen, patientenbezogenen Nutzen (Gesundheitsschutz vs. Datenschutz),
  • Dem Nutzen von Gesundheitsdaten für die Gesellschaft
  • Den Anforderungen an die Sicherheit der Daten

 

Höchste Datensicherheit werde dabei stets vorausgesetzt, betont Rydzewski. Im Hinblick auf die Abwägung gehe es daher vor allem um die Frage, was Datenschutz bedeute:

  • Wovor und vor wem müssen Versicherte ihre Daten schützen?
  • Wem kann man vertrauen?
  • Welchen Nutzen können meine Daten stiften?

 

Über diese und ähnliche Fragen müsse im Kontext des geplanten Gesundheitsdatennutzungsgesetzes noch viel diskutiert werden, weil es nach seiner Auffassung nach wie vor viele unbeantwortete Fragen gebe. Als Beispiel nennt Marek Rydzewski die Elektronische Patientenakte (ePA):

  • Die mediale Diskussion um die ePA drehe sich bislang viel zu sehr um vermeintliche Lücken im Datenschutz, was potenzielle Nutzer*Innen verunsichere.
  • Die Diskussion müsse sich in Zukunft viel stärker als bislang um den Mehrwert und den Nutzen der ePA drehen. Der grundsätzliche Nutzen müsse den Bürger*innen verdeutlicht werden und es müsse klarwerden, dass ePA-Benutzer*Innen gerade durch die aktive Nutzung ihre informationelle Selbstbestimmung wahrnehmen könnten. Die Beziehung zwischen Leistungserbringenden und Patient*Innen wird deutlich transparenter.

 

„Für die BARMER bedeutet dies“ so Rydzewski „dass wir im Sinne der digitalen Unternehmensverantwortung für unsere Versicherten jederzeit zur Verfügung stehen müssen, um Fragen rund um Datennutzung und Datenschutz vertrauenswürdig zu beantworten und Mitglieder zu beraten: Am Telefon, der Geschäftsstelle oder im Internet.“

 

Im Hinblick auf den Einsatz der Digitalisierung zur Verbesserung der Versorgung stellt Marek Rydzewski klar: „Digitalisierung führt nicht automatisch zu mehr Qualität!“ Auf dem aktuellen Stand der Technik sei in Deutschland im Verhältnis zum Ausland bereits ein sehr hoher qualitativer Stand der Versorgung gewährleistet. Und das, obwohl man beim Thema Digitalisierung in Deutschland eher etwas hinterherhinke.

Im Hinblick auf digitale Unternehmensverantwortung gehe es künftig daher vor allem darum, die demografische Entwicklung als auch die kritische Entwicklung der Versorgungsstrukturen mit den Möglichkeiten der Digitalisierung zu kompensieren. Nur so könne der bestehende Standard auch in Zukunft gehalten werden. Punktuell könne darüber hinaus auch die Qualität gesteigert werden.

In der jüngeren Vergangenheit habe die BARMER bereits verschiedene Instrumente der digitalen Versorgung genutzt – noch bevor es digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) gegeben habe. Auch arbeite man bei der BARMER bereits seit einiger Zeit mit ersten Telehealth-Lösungen. Das weitere Potenzial sei aber bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Dabei müsse stets die Frage im Auge behalten werden, wer auf Seiten der Nutzer*Innen bereits die Fähigkeit besitze, entsprechende Anwendungen sicher anzuwenden. Rydzewski: „Aufgrund der Struktur der Versicherten sind wir als BARMER vielen Gruppen verpflichtet. Deshalb können wir nicht nur die digitale Versorgung vorantreiben.“ Es müsse genauso dafür Sorge getragen werden, dass die klassisch-analoge Flächenversorgung bestmöglich funktioniere. Entsprechende Versorgungsangebote könnten aber z.B. durch Sensorik zunehmend digital unterstützt bzw. ausgebaut werden.

Im Hinblick digitale Unternehmensverantwortung sei laut Rydzewski heute und in Zukunft vor allem das Thema „Digitalkompetenz“ von großer Bedeutung. Die BARMER werde sich diesbezüglich noch stärker als bisher aufstellen, da es nicht ausreiche, Angebote zu entwickeln und anzubieten – vielmehr müssten die Nutzer*Innen dort abgeholt werden, wo sie sich tatsächlich befinden. BARMER-intern habe man mit den DigiCoaches bereits Erfahrungen mit dem Aufbau der Digitalkompetenz gesammelt. Die DigiCoaches seien rund 600 Mitarbeiter*Innen in Kundenberatung, Sachbearbeitung oder den Fachabteilungen, die neben ihren Hauptaufgaben Digitalwissen in ihre Teams tragen. Nun werde man diese Erfahrungen in Richtung der Versicherten transferieren. Dabei komme es vor allem auf die zielgruppengerechte Umsetzung an. Rydzewski: „Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie muss den Menschen nutzen und die Empathie darf nicht auf der Strecke bleiben. Das gilt für alle Kanäle: In der Geschäftsstelle, der Telefonie oder dem Internet. Empathie lässt sich nicht digitalisieren!“

Digitalkompetenz umfasse dabei alle Bereiche. So sollte z.B. in Schulen stärker vermittelt werden, welche Risiken und Chancen die Digitalisierung ermöglicht – speziell im Gesundheitskontext. Anregungen könnten dabei auch aus dem Bereich der Ernährung kommen: Hier sei es auch geglückt, praxisgerecht zu informieren und aufzuklären. Nur so könnten mündige Verbraucher*Innen künftig auch mündige Patient*Innen sein.

 

 

Gegen Ende des Interviews geben Rothmaier und Rydzewski Einblicke in strukturelle Herausforderungen sowie Zukunftspläne. So sei es in einem hoch regulierten Umfeld generell nicht leicht, neue Akzente zu setzen – auch nicht bei Fragen der Ethik. Insofern erfolgt der Hinweis, dass nicht nur gesetzliche Krankenkassen, sondern auch deren Aufsichtsbehörden mit der Zeit mitgehen sollten bzw. mitgehen müssten. Der Wertekanon der BARMER sei für die digitale Welt gut aufgestellt, nun werde darüber hinaus auch ein flexiblerer Rahmen benötigt, der nicht immer nur die risikoorientierte, sondern auch die nutzenorientierte Komponente der Digitalisierung im Gesundheitsbereich betone. Es sei zwar einerseits menschlich, eine grundsätzliche Aversion gegen Risiken zu besitzen, in Anbetracht weltweiter Herausforderungen sei Chancenorientierung ebenso wichtig.

Als Zielbild nennt Marek Rydzewski die Analogie zum Straßenverkehr: „Hier gibt es permanent hohe Risiken, trotzdem verbietet niemand, mit dem Auto auf der Straße zu fahren.“ Vielmehr habe man Verkehrsregeln aufgestellt, um den Straßenverkehr zu fördern – und falls die Regeln missachtet würden, würde dies geahndet. So ähnlich müsse es auch bei der Nutzung von Gesundheitsdaten sein: Wenn es gesellschaftlicher Konsens ist, dass diese erforderlich sind, um Zukunftsherausforderungen zu meistern, müssten klare Regeln aufgestellt werden, die für eine möglichst hohe Verkehrsdichte bei Gesundheitsdaten sorgen. Bislang würden die Regeln aber eher verhindern, dass eine Nutzung erfolgen könne.

Vor diesem Hintergrund müsse die Frage erlaubt sein, wie viele Daten man als Versicherter bereit sei, mit seinem Gesundheitsversorger zu teilen – und zu welchen Konditionen. O-Ton Rydzewski: „“ Ein diesbezüglicher Lichtblick sei zum Beispiel der beabsichtigte Wechsel vom doppelten „opt-in“ bei der ePA zum doppelten „opt-out“, so wie dies in anderen Ländern der EU, in der ebenfalls die DSGVO gelte, bereits erfolgreich umgesetzt worden wäre.

„Es gibt noch Hoffnung“ ergänzt Jürgen Rothmaier. Er vertritt die Meinung, dass man in Deutschland stets bereit und in der Lage sei, sich den jeweils aktuellen Umständen anzupassen. Zwei Jahre Pandemie hätten zwar noch nicht die spürbare Wende herbeigeführt, doch sei die Notwendigkeit, eine umfassende Diskussion zum Thema „Nutzung von Gesundheitsdaten“ spürbar gestiegen. Dies mache sich auch beim gesteigerten Interesse an digitaler Unternehmensverantwortung bemerkbar. Insofern sei sein Wunsch im Hinblick auf die nächste Phase der CDR-Initiative, dass diese ein höheres Maß an Offenheit und an Möglichkeiten generiere. Dabei, so betonen Rothmaier und Rydzewski einhellig, freuen sie sich nicht nur auf den erweiterten Austausch mit den anderen Industrien – auch der Austausch mit weiteren Krankenkassen sei im Hinblick auf digitale Unternehmensverantwortung trotz aller Wettbewerbsaspekte wünschenswert!