In der aktuellen Digitalpolitik, sowohl in Deutschland auch als in Europa, geht es im Kern um die Frage, wie wir gegenüber dem Einsatz von digitalen Technologien Vertrauen herstellen und Akzeptanz für digitale Geschäftsmodelle schaffen können. Der europäische Anspruch lautet dabei: Digitale Anwendungen sollen dem Menschen dienen und nicht andersherum. Dem entsprechend lässt sich derzeit beobachten, wie gesetzliche Regulierungen auf europäischer Ebene verabschiedet werden, beispielsweise der Digital Services Act (DSA) oder der Digital Markets Act (DMA). Zudem sollen Regulierungen für Künstliche Intelligenz folgen. Dennoch bleibt in der Unternehmenspraxis eine Lücke für verantwortliches Handeln. Nicht alles kann und soll reguliert werden. Hinzu kommt, dass Ethik nicht in Recht aufgeht.

Das Institute for Digital Transformation in Healthcare, kurz idigiT, ein An-Institut der Universität Witten/Herdecke, war mit der Geschäftsführerin Dr. Sarah Becker im Juli 2020 zu Gast beim CDR-Magazin und berichtete im Interview mit Dr. Marie Blachetta anhand von Studienergebnissen über den Status Quo digitaler Ethik in Europa. idigiT setzte die Studie 2022 neu auf; 91 europäische Ethik-Leitlinien wurden untersucht.

 

Leitlinien zur digitalen Ethik im europaweiten Vergleich

Wie die idigiT Studie zeigt, steigen seit 2016 die Veröffentlichungen von digital-ethischen Leitlinien in Europa kontinuierlich an. Bis Ende des Jahres 2021 wurden in Europa 91 Ethik-Leitlinien von Unternehmen, Non-Profit-Organisationen und politischen Akteuren veröffentlicht, in denen sie sich positionieren und ihr Verständnis – insbesondere im Umgang mit Daten und Algorithmen – darlegen.

Herausgegeben wurden diese digital-ethische Leitlinien vor allem von Non-Profit-Organisationen, während Unternehmen nach wie vor die zentrale Zielgruppe aller Veröffentlichungen darstellen. Das erklärt sich in der häufigen Zuschreibung, dass Unternehmen als Entscheidungsträger wahrgenommen werden.

Eine Besonderheit zeigt sich unmittelbar im Vergleich zur ersten Erhebung von 2020: Die auf Unternehmensseite veröffentlichten Leitlinien haben deutlich zugelegt. 33 % stammen von Unternehmen, wohingegen es um politische Initiativen etwas ruhiger wurde. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass nicht jede Institution eine eigene Positionierung vornimmt. Gleichzeitig nehmen die gesetzgeberischen Aktivitäten in Brüssel an Fahrt auf. Der Anstieg von Unternehmensleitlinien ist also auch als Anzeichen dafür zu verstehen, dass Organisationen zunehmend nach Orientierung im Umgang mit ethischen Fragestellungen suchen.

 

KI als Treiber

Ein Thema dominiert die veröffentlichten Leitlinien: Künstliche Intelligenz, kurz KI. Es zeigt sich, dass durch die Entwicklung und den Einsatz von KI-Anwendungen die Beschäftigung mit digitaler Ethik in Unternehmen angetrieben wird. Allerdings ist dabei nicht zu beobachten, dass KI mittlerweile einheitlich definiert ist. In der Studie dient der KI-Begriff daher ebenfalls als Überbegriff für alle Veröffentlichungen, die den Umgang mit KI, algorithmischen Systemen und auf Algorithmen basierenden Anwendungen, thematisieren.

Dabei ist in Bezug auf die im Unternehmen angewandte digitale Verantwortung, also Corporate Digital Responsibility, zu unterstreichen, dass Leitlinien in der Praxis zu operationalisieren sein müssen. Werden Leitlinien für den Umgang mit Algorithmen formuliert, sind beispielsweise Faktoren wie die Verwendung von Trainingsdaten zu berücksichtigen. Das heißt, Daten und KI, genauso wie die Auswirkungen anderer Technologien, müssen zusammengebracht werden.

Wiederkehrende Werte

Über die untersuchten Leitlinien hinweg lassen sich wiederkehrende Werte wie „Autonomie“, „Fairness“ oder „Transparenz“ identifizieren. Die inhaltlichen Gemeinsamkeiten in den Leitlinien sind in der Studie als Ranking der „Top 10“ abgebildet.

Transparenz ist der Wert, der am häufigsten in Bezug darauf genannt wird, wie viele und welche Informationen im Zusammenhang mit Daten und KI geteilt werden. Das entspricht auch der erkennbaren Forderung, dass das Vertrauen bei den verschiedenen Interessensgruppen für den Einsatz von digitalen Technologien u.a. durch mehr Transparenz gesichert und gefördert werden sollte – einerseits bei den Nutzer:innnen, Verbraucher:innen und Kund:innen, andererseits bei den Mitarbeiter:innnen sowie Investor:innen.

Leitlinien in Deutschland

Im Gesamtvergleich stammen 35% der Veröffentlichungen aus Deutschland. Wie in den meisten europäischen Ländern bestehen Vorgaben zur nachhaltigen Unternehmensführung aus mehr oder weniger freiwilligen Selbstverpflichtungen. Die Erstellung und Anwendung von digital-ethischen Leitlinien ist bisher ein Teil davon. Doch auch in diesem Bereich ist mit weiteren Regulierungen im Sinne der digitalen Verantwortung zu rechnen.

Genau wie im vollständigen Textkorpus werden auch in den Veröffentlichungen aus Deutschland vorrangig Unternehmen adressiert. Das bedeutet, Unternehmen sind die Hauptzielgruppe von Leitlinien.

 

Zunehmend erweitern Unternehmen ihre Aktivitäten um datengetriebene Geschäftsmodelle, was diesen Effekt zukünftig wohl noch verstärken wird. Unternehmen müssen sich daher der Frage stellen, wie sie die Akzeptanz in der Gesellschaft für ihre digitale Anwendungen sichern können.

Über die Studie

Die Studie untersucht Leitlinien zu digitaler Ethik aus Europa, die in Form von öffentlich zugänglichen Dokumenten im Zeitraum von 2014 bis 2021 veröffentlicht wurden. Die systematische Analyse umfasst zum einen das Verständnis, welches die Leitlinien von Unternehmen, Non-Profit-Organisationen und politischen Institutionen zum Ausdruck bringen. Zum anderen bildet die Studie Deutschland im Ländervergleich ab und zeigt Möglichkeiten auf, CDR strukturiert in der Organisation anzugehen.

 

 

Weiterführende Links:

Die gesamte idigiT Studie steht zum Download bereit unter https://www.transforming-healthcare.com/insights/

Das Interview mit Dr. Sarah J. Becker zu Corporate Digital Responsibility und der durchgeführten Studie zu Leitlinien von Digitaler Ethik im Jahr 2020: https://corporate-digital-responsibility.de/article/analyse-von-leitlinien-der-digitalen-ethik-in-europa/

Das Institute for Digital Transformation in Healthcare (idigiT) ist ein Spin-off der Universität Witten/Herdecke und agiert in Forschungs- und Beratungsprojekten mit den Schwerpunktthemen „Digital Health“ und „Digital Ethics“.

 

 

 

 

Dr. Sarah J. Becker ist Gründerin und Managing Partner des Institute for Digital Transformation in Healthcare (idigiT) an der Universität Witten/Herdecke, das sich seit 2017 für eine humanzentrierte Digitalisierung des Healthcare-Sektors engagiert. Sie ist eine ausgewiesene Expertin auf diesem Gebiet und Mitglied im Digital Ethics Advisory Panel der Merck KGaA. Mit ihrem Institut berät sie DAX-Konzerne, Non-Profit-Organisationen sowie öffentliche Einrichtungen zu Fragestellungen der digitalen Verantwortung und Ethik. Während ihrer akademischen Laufbahn hat Dr. Becker Studien der Wirtschaftswissenschaften und der Medizin abgeschlossen und beide Fachgebiete in ihrer Promotion interdisziplinär verbunden. Während ihrer Doktorarbeit forschte sie als Stipendiatin der deutschen Studienstiftung u.a. an der Columbia University in New York City und gründete anschließend ein Digital Health-Startup. Sie arbeitete für die Boston Consulting Group, für IBM an verschiedenen internationalen Standorten sowie für den Kongress der Vereinigten Staaten in Washington D.C. Damit verfügt sie über rund 15 Jahre Erfahrung als Unternehmerin, Forscherin und Beraterin

 

 

 

 

 

Dr. med. André T. Nemat ist Gründer und Managing Partner des Institute for Digital Transformation in Healthcare an der Universität Witten/Herdecke. Mit mehr als 15 Jahren klinischer Erfahrung in der Position als Chefarzt für Thoraxchirurgie an Krankenhäusern maximaler Versorgungsstufen sowie dem Aufbau von zwei interdisziplinären Lungenzentren besitzt er profundes Wissen in sämtlichen Gebieten des deutschen Gesundheitssystems. Gepaart mit einem ingenieurwissenschaftlichen Background treibt ihn zudem die Faszination für modernste Technologie an. Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen medizinisch-technischer Innovationen begleiten ihn seither in verschiedenen internationalen Positionen. Dabei liegt ein Fokus auf den ethischen Implikationen des medizinischen Fortschritts im digitalen Zeitalter. Als Vorstandsmitglied der International Data Spaces Association (IDSA) engagiert er sich für die technologische Umsetzung und Wahrung der individuellen Datensouveränität.

 

 

Der Text dieses Beitrags steht – soweit nicht anders gekennzeichnet – unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0). Details zur Lizenz finden Sie unter https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode