Immer mehr GründerInnen verbinden die Bereiche Nachhaltigkeit, Lieferketten und Digitalisierung miteinander. So auch Jonathan Funke, Gründer des Start-ups „tip me“: „Ich sehe uns als Teil einer größeren Bewegung“. Gemeinsam mit drei Freunden hat er die Idee eines globalen Trinkgeldes realisiert und umgesetzt – mit Erfolg: 46% der Online-Shop-KundInnen nutzen die Trinkgeldfunktion bereits und haben ArbeiterInnen aus Pakistan und Vietnam mit insgesamt mehr als 10.000 Euro Trinkgeld unterstützt.

Und so funktioniert „tip me“: Ähnlich wie in einem Café oder Restaurant haben KundInnen in ausgewählten Online-Shops die Möglichkeit, den FabrikarbeiterInnen, die ihre soeben gekauften Produkte hergestellt haben, per Mausklick Trinkgeld zu geben. So werden KonsumentInnen und herstellende Arbeitskräfte durch „tip me“ auf einen Weg miteinander verbunden, der sonst nicht existieren würde. „tip me“ arbeitet bereits mit drei Projekten zusammen: einem Modelabel von geflüchteten Menschen, einer Schuhfabrik in Pakistan sowie einer Nähfabrik in Vietnam. Als nächsten Schritt möchten die GründerInnen eine interne Software aufbauen, mit der neue Fabriken und Hersteller in das Trinkgeldsystem automatisch implementiert werden und somit mehr Menschen davon profitieren können.

CDR andersherum gedacht

„tip me“ denkt die Lieferkette andersherum und vernetzt EndverbraucherInnen und die herstellenden Einzelpersonen. „tip me würde es ohne Digitalisierung nicht geben“ sagt Jonathan Funke. Digitalisierung schafft somit nicht nur neue Verantwortung – was beim Thema „CDR“ üblicherweise im Vordergrund steht – sondern ermöglicht es auch, sie an Stellen zu übernehmen, an denen es vorher nicht durchführbar war. Jonathan Funke und seine MitgründerInnen hoffen, dass somit ein größeres und selbstverständliches Bewusstsein für faires und nachhaltiges Handeln geschaffen wird – eine ihrer zentralen Missionen. Diese Perspektive beobachtet Jonathan Funke auch in anderen Unternehmen:

„Die KundInnen von heute haben viel höhere Ansprüche und verlangen mehr Informationen, um ihre Kaufentscheidung zu treffen, z.B. zu ihrer Lieferkette, der Herkunft ihrer Produkte oder dem CO2-Austoß. Digitale Start-ups können genau dies zur Verfügung stellen“

Jonathan Funke

 

Erfahrungen von tip me als Start-up mit CDR

Doch wie wird die digitale Verantwortung von Start-ups wie „tip me“ wahrgenommen? Gibt es Anforderungen, die (digitale) Start-ups erfüllen müssen, um Investoren oder Förderhilfen für sich zu gewinnen bzw. zu beanspruchen? Wird CDR als Differenzierungs- oder k.O. Kriterium von Venture Capitalists oder Förderprogrammen aufgegriffen? „tip me“ hat in der Hinsicht noch keine Erfahrungen gesammelt. Jonathan Funke berichtet, dass das Thema der Verantwortung im Kontext der Digitalisierung bei den Investoren-/Finanzierungsgesprächen von „tip me“ bislang ausschließlich auf dem Umgang mit den sensiblen Daten der FabrikarbeiterInnen lag, also auf ihren internen Datenverarbeitungsprozessen. Mit konkreten Kriterien zu CDR seien sie noch nicht in Berührung gekommen. Gleiches gilt auch für Schulungen und Coaching für GründerInnen: Jonathan Funke hat bereits an vielen Programmen teilgenommen (z.B. „Kultur und Kreativpiloten“, Project Together, Social Impact Lab Berlin) und ist auf keine Inhalte zu CDR gestoßen. Allerdings sieht er großen Handlungsbedarf, dies zukünftig zu integrieren.

Das Bewusstsein für eine verantwortungsvolle Digitalisierung besteht bei Jonathan Funke schon lange. Nicht zuletzt, weil er sich bereits vor der Gründung von „tip me“ für digitale Themen und Verantwortung interessiert hat und Mitautor der Menschenrechtscharta für Digitalisierung ist (siehe Infobox): „Solange das verantwortungsbewusste Handeln und der Umgang damit auf Freiwilligkeit beruht, ist das nicht wettbewerbsfördernd und nachhaltig“, findet er.

Momentan spielt daher CDR im Umfeld von „tip me“ weder bei Investoren/Förderprogrammen, noch bei Schulungen/Coachings eine Rolle. Eine strukturelle Förderung für die freiwillige Selbstverpflichtung zur Unternehmensverantwortung im digitalen Wandel ist demnach begrenzt. CDR findet insbesondere auf Basis der persönlichen, intrinsischen Motivation statt. Sind Regulierungen eine Möglichkeit, verantwortungsvolle Digitalisierung zu verbessern oder stellt dies für Start-ups Hürden oder auch Innovationsbremsen dar? „Dass Regulierungen und Gesetze Innovationen ins Stocken bringen, sehe ich als Scheinargument an“, so Jonathan Funke. Dennoch betont er, dass darauf geachtet werden sollte, Regulierungen sinnvoll und nachvollziehbar zu gestalten. Es könnte beispielsweise helfen, wenn Akteure, die ausreichend Nähe zu der (Start-ups) -Praxis haben, an den Formulierungen von Gesetzen partizipieren.

 

 

INFOBOX MENSCHENRECHTSCHARTA FÜR DIGITALISIERUNG

2016 auf Anregung der ZEIT-Stiftung ins Leben gerufen, hat sich eine Gruppe von BürgerInnen zusammengefunden, um die Grundrechte im digitalen Zeitalter auf Grundlage neuer Herausforderungen und staatlicher Aufgaben, die durch technische Entwicklungen einhergehen, zu konkretisieren und in die öffentliche Debatte zu bringen. Herausgekommen ist die sogenannte Digital-Charta.

2017 wurde eine erste Fassung der Charta veröffentlicht und nach einer Präsentation vor dem europäischen Parlament auch der Öffentlichkeit unterbreitet. Anfang 2018 folgte eine zweite und zuletzt erschienene Version. Neben Vorschlägen für künftige Grundrechte, enthält die Digital-Charta auch Bestimmungen für Staatsziele und mögliche Aufträge an den europäischen Gesetzgeber.

 

 

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