Die Gesundheitsbranche hinkt digital hinterher – auch bei digitaler Ethik

Im Hinblick auf die Digitalisierung hänge man laut Jürgen Rothmaier im internationalen Vergleich an vielen Stellen deutlich hinterher. Nicht zuletzt im Gesundheitswesen. Dort gebe es auch bei Fragen digital-ethischer Verantwortung noch erheblichen Handlungsbedarf. Dies sei für ihn unverständlich, denn kaum eine andere Branche verfüge über so viele sensible Daten. Umso wichtiger sei für ihn, das Thema CDR bei der BARMER weiter voranzutreiben.

Dabei gebe es drei wesentliche Stoßrichtungen:

  • Die prominente organisatorische Verankerung von CDR im Unternehmen mit klaren Verantwortlichkeiten.
  • Den Transfer von CDR in Richtung der Mitarbeiter*Innen hinein in den Arbeitsalltag.
  • Die Eröffnung des gesellschaftlichen Diskurses, bei dem man eine Vorreiterrolle spielen wolle.

 

 

Rothmaier beginnt mit dem ersten Punkt: Man könne CDR nur vernünftig entwickeln, wenn man es im Unternehmen prominent und verbindlich platziert. Deswegen habe man sich früh dazu entschieden, CDR direkt auf der Vorstandsebene zu verankern – und zwar nicht nur bei einem Vorstandsmitglied, sondern im gesamten dreiköpfigen Vorstand. Dies verdeutliche die hohe Relevanz von CDR in Richtung aller internen und externen Stakeholder der BARMER.

 

CDR wird von allen drei Vorständen gelebt

Die Verankerung im Vorstand spiegele auch wider, dass CDR nahezu alle Arbeitsbereiche des Unternehmens betreffe. So sei der Personalbereich unverzichtbar, um CDR intern zu fördern. Insofern arbeite seine Vorstandskollegin Simone Schwering ebenso am Thema CDR wie der gesamte Leistungsbereich, der von Professor Dr. Christoph Straub verantwortet werde. Gleiches gelte natürlich auch für Rothmaiers eigenen Bereich, zu dem die technisch-digitale Umsetzung und das Marketing zähle. Für ihn gelte daher auch die Devise: „Tue Gutes und rede darüber!“

Damit sei die Verankerung von CDR aber noch nicht abgeschlossen: Aufgrund der übergreifenden Bedeutung von Digitalisierung habe man sich 2021 entschlossen die Position des Chief Digital Officer (CDO) zu schaffen. Mit Marek Rydzewski habe man einen versierten Experten gewinnen können, der im Hinblick auf Digitalisierung und CDR an alle drei Vorstände berichte. Durch die operative CDR-Verantwortung des CDO sei eine einheitliche Vorgehensweise sichergestellt. Zudem könne man so am besten priorisieren, welche Themen man zu welchem Zeitpunkt angehen und wo man investieren wolle.

 

Kein Selbstläufer: Der Transfer von CDR in Richtung Mitarbeiter*Innen

Beim zweiten Punkt, dem Transfer von CDR ins Unternehmen, habe die Corona-Pandemie eine wichtige Rolle gespielt. Zwar wären durch Corona kurzfristig viele neue Themen aufgekommen, dafür hätten andere Themen nicht mit der nötigen Intensität durchgeführt werden können. Corona sei aber im Hinblick auf CDR durchaus hilfreich gewesen, da das Thema Home Office sprunghaft an Relevanz gewonnen habe und damit deutlich mehr digitale Prozesse in die Belegschaft hinein hätten umgesetzt werden können und müssen.

 

Der Transfer ins Unternehmen hinein sei laut Jürgen Rothmaier auch keineswegs ein Selbstläufer gewesen: Bei einer ersten Umfrage in der Belegschaft, welche Berührungspunkte es zu ihrer Arbeit gebe, hätten 95 Prozent der Belegschaft keinen Bezug  zu ihrer Arbeit gesehen. Hohe Relevanz besitze vor diesem Hintergrund das Thema Social Health@Work. Dazu arbeite man schon länger mit der Universität St Gallen zusammen, um zu erforschen, wie sich die Digitalisierung auf die Gesundheit von Mitarbeitenden auswirke. Initiativen dieser Art wären wichtig, damit man in der Belegschaft Akzeptanz für Digitale Verantwortung finde.

Wolle man die Belegschaft im Hinblick auf CDR mitnehmen, spielten zudem Führung und Unternehmenskultur eine entscheidende Rolle: So dürfe Digitalisierung nicht dazu führen, dass die Belegschaft in ihrem privaten Umfeld eingeschränkt werde oder man verstärkt in der Freizeit auf die Mitarbeitenden zugehe. Hier sei Vorbildverhalten sehr wichtig. Wenn die Welt nicht brenne, wende auch er sich nach 18/19 Uhr nicht mehr an Kolleg*Innen, betont Rothmaier. Mails, die abends versendet würden, könne man in den allermeisten Fällen auch am Folgetag versenden. Psychologisch sei es aber so: Wenn man als Vorgesetzter Mails außerhalb der Arbeitszeiten versende, fühlte sich die Mehrzahl der Mitarbeiter genötigt sich damit zu beschäftigen. Dies gelte es zu vermeiden.

Mittlerweile habe man einige hundert Mitarbeiter*innen im Unternehmen, die als so genannte DigiCoaches auch das Thema Digitale Verantwortung im Unternehmen promoten. Insofern sei man an verschiedenen Stellen beim Thema CDR deutlich weiter vorangekommen. Insgesamt sei man mit der Entwicklung im Unternehmen unterm Strich doch sehr zufrieden.

 

Der Blick über den Tellerrand dank der CDR-Intitiative

In Hinblick auf den dritten Punkt, also den gesellschaftlichen Diskurs, habe die BARMER von Anfang an versucht, sich über die Unternehmensgrenzen hinaus zu engagieren. Daher sei man auch der CDR-Initative beigetreten: Dies sei eine Plattform, um gemeinsam mit anderen Unternehmen und politischer Unterstützung Digitale Verantwortung weiterzuentwickeln. Man sehe, dass es viele Themen gebe, die von den Teilnehmer*innen relativ ähnlich gehandhabt würden – zum Beispiel beim Transfer von CDR ins Unternehmen hinein. Umgekehrt gebe es Punkte, bei denen man sich deutlich unterscheide, weil bei anderen Teilnehmer*innen der Initiative die Entwicklung von KI-Prozessen in eine ganz andere Richtung gehe, da es z.B. im Handel oder der Telekommunikation andere Use Cases gebe wie bei einer Krankenkasse, Unterschiede ergäben sich auch deshalb, weil die BARMER als Körperschaft des öffentlichen Rechts ausschließlich im deutschen Raum agiere, weshalb für sie andere Rahmenbedingungen bestünden bzw. bei anderen Teilnehmer*innen andere Fragestellungen als bei der BARMER existierten.

Es sei für die BARMER sehr spannend, wie unterschiedlich die einzelnen Branchen gefordert sind, Digitale Verantwortung zu platzieren. Als BARMER sei man auch in Zukunft sehr daran interessiert, über den Tellerrand hinauszuschauen und nicht nur im „Dunstkreis der GKV“ zu agieren, sondern auch die Erfahrungswerte anderer Unternehmen zu nutzen und einen diesbezüglichen Dialog zu führen.

 

Nächster Schritt: Der erste CDR-Bericht

Zum Abschluss geht Jürgen Rothmaier auf die laufenden Arbeiten am ersten CDR-Bericht ein. Der Bericht besitze hohe interne Relevanz, da mit ihm der Verwaltungsrat der BARMER über laufende CDR-Aktivitäten und deren Stand informiert werde. Dabei besitze der Bericht vor allem eine vorbereitende Funktion, denn wichtiger noch sei der darauf aufbauende Dialog, der die Basis für das gemeinsame Verständnis von den Punkten Digitaler Verantwortung schaffe, bei denen sich die BARMER künftig noch intensiver engagieren wolle.

Die Idee des CDR-Berichts sei u.a. auch im Dialog im Rahmen der CDR-Initiative entstanden, was seiner Meinung nach verdeutliche, dass Dialoge im gesamten Bereich der Digitalisierung eine viel größere Rolle spielen als dies bei vielen Themen in der Vergangenheit der Fall gewesen sei. Es gelte, Zusammenhänge zu verstehen, Position zu beziehen und Entscheidungen mit den eigenen Werten in Einklang zu bringen. Als konkretes Beispiel nennt Rothmaier die Entscheidungsfindung im Hinblick auf den Einsatz von Chatbots, bei dem es auch um ethische Fragen und damit auch um Digitale Verantwortung gehe. Der Bericht fördere das Bewusstsein, dass sich die BARMER tagtäglich mit ethischen Fragen beschäftige und CDR integraler Bestandteil des Unternehmens sei – auch und gerade dann, wenn noch alle Mitarbeiter*Innen dies für ihre eigene tägliche Arbeit erkennen könnten.

Um dieses Ziel zu erreichen, erfordere das Erstellen des CDR-Berichts durchaus Kreativität, andererseits sei dies kein vollständiges Neuland, denn es gehöre zum Handwerkszeug jeder gesetzlichen Krankenkasse, Informationen in einer strukturierten Form zusammenzufassen.

Resümierend kommt Jürgen Rothmaier zum Ergebnis, dass sich in den letzten anderthalb Jahren viel im Hinblick auf die drei zuvor skizzierten CDR-Handlungsstränge getan habe.

 

Im zweiten Teil des Interviews geht Marek Rydzewski, der CDO der BARMER, auf verschiedene operative Fragen der Corporate Digital Responsibility ein. Darunter die regulatorischen und ethischen Voraussetzungen für die Nutzung von Gesundheits- und Versorgungsdaten.

 

Jürgen Rothmaier, geboren 1959 in Essen, ist stellvertretender BARMER Vorstandsvorsitzender

Stationen:

  • 1978 Beginn der beruflichen Tätigkeit für die BARMER
  • 1989 – 1995 Geschäftsführer der BARMER in Essen
  • 1995 – 1998 Geschäftsführer der BARMER in Wuppertal
  • 1998 – 2001 Landesgeschäftsführer der BARMER in Rheinland-Pfalz
  • 2001 – 2006 Hauptabteilungsleiter Organisation in der Hauptverwaltung der BARMER
  • 2007 – 2014 Mitglied des Vorstandes der BARMER
  • seit 1. Januar 2015 Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der BARMER